Kapitel 3 – Der Hof tritt ein

Serenya stand vor der Tür, als wäre das Holz eine Grenze zwischen zwei Welten. Hinter ihr lag das Zimmer, in dem Caelan still war. Vor ihr lag ein Morgen, der sich anfühlte wie ein Messer aus blassem Licht.

Das Klopfen hatte aufgehört. Dafür war die Stimme da – ruhig, beinahe freundlich, als wäre sie eine Nachbarin, die sich um Lärm beschwert. Nur dass in dieser Stimme nichts Menschliches bat. Sie erwartete.

Serenya“, sagte sie noch einmal. „Öffne. Du bist nicht allein.“

Serenya presste die Finger an ihre Schläfen. Ihr Kopf war voll von Bildern: Caelans Gesicht, der Moment, als sein Atem nicht mehr zurückkam, die Wärme in ihrem Mund, die sie nie gewollt hatte und doch gebraucht hatte. Ihr Magen zog sich zusammen, als wollte er sich selbst ausstoßen.

Sie ging zur Tür, langsam, weil jeder Schritt die Wahrheit lauter machte. Ihre Hand legte sich auf den Riegel. Sie zögerte – nicht aus Trotz, sondern weil sie wusste: Wenn sie diese Tür öffnete, würde jemand eintreten, der nicht erschrickt. Und das war schlimmer als jeder Schrei.

Der Riegel gab nach.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Kühle Luft drang herein, feucht vom Regen. Und mit der Luft kam ein Geruch, der Serenya sofort den Hals zusammenzog: Leder, kaltes Metall, und etwas Süßes, kaum wahrnehmbar, wie dunkle Blüten, die nachts aufgehen.

Im Rahmen stand eine Frau, hoch gewachsen, mit einem Mantel, dessen Stoff den Regen nicht aufsog, sondern ihn abperlen ließ wie von geöltem Stein. Das Gesicht war blass, aber nicht krankhaft. Eher so, als hätte es nie gelernt, sich von Sonne färben zu lassen. Ihr Haar war dunkel, glatt nach hinten gebunden, und ihre Augen waren – Serenya zuckte unwillkürlich – zu klar. Sie wirkten wie ein Spiegel, in dem man nichts verstecken kann.

Neben ihr stand eine zweite Gestalt, tiefer, in einfacher Kleidung, eine Kapuze über dem Kopf. Menschlich. Serenya spürte den Puls der Person wie eine Laterne in der Dunkelheit. Es war ein körperlicher Instinkt, und er erschreckte sie mehr als alles andere, weil er nicht aus ihrem Denken kam, sondern aus ihrem neuen Sein.

Die Frau im Mantel neigte den Kopf.

„Myris“, sagte sie, als wäre ein Name eine Visitenkarte. „Hof der Blutnacht.“

Die Kapuzengestalt sagte nichts, doch ihre Hände blieben sichtbar, offen, leer. Serenya merkte: Das war Absicht. Eine Geste, die sagt: Wir könnten, aber wir tun es nicht. Noch nicht.

„Ich…“, begann Serenya, und ihre Stimme klang trocken. „Wie—“

Myris trat einen Schritt näher, ohne die Schwelle zu überschreiten. Sie blickte nicht an Serenya vorbei, sondern direkt auf sie. Doch Serenya spürte, dass Myris alles sah: den verwischten Stoff am Kleid, die Kerzen, die halb niedergebrannt waren, den Geruch des Zimmers, der sich noch nicht entscheiden konnte, ob er Wachs oder Schuld sein will.

„Atme flach“, sagte Myris. „Nicht wegen mir. Wegen dir.“

Serenya schluckte. Der Durst war wieder da, leise, aber beharrlich. Er war nicht wie Hunger nach Brot, der irgendwann vergeht. Er war wie ein zweites Bewusstsein, das die Welt in Blut und Nicht-Blut einteilt.

„Du zittern“, sagte Myris, und das war kein Vorwurf. „Du kannst gleich in Panik fallen. Oder du kannst jetzt lernen, wie man einen Morgen überlebt.“

Serenya starrte sie an. „Ich habe ihn…“

Myris hob eine Hand. Nicht, um Serenya zu stoppen, sondern um etwas zu glätten, das sonst zerreißt.

„Sprich es nicht, wenn du es nicht tragen kannst“, sagte sie. „Der Raum wird es auch ohne Worte behalten.“

Die Kapuzengestalt trat ein kleines Stück vor und schob die Kapuze zurück. Eine junge Frau, vielleicht in Serenyas Alter, mit einem schmalen Gesicht, Sommersprossen, die im trüben Licht fast verschwanden. Ihre Augen waren wach und traurig zugleich.

„Nera“, sagte sie leise. „Ich bin… ich arbeite für den Hof.“

Serenya dachte: Du arbeitest? Als wäre das hier ein Handelshaus.

„Du bist kalt“, flüsterte Serenya, und merkte erst danach, dass sie es zu Nera gesagt hatte – oder zu sich.

Nera sah kurz zu Myris, dann wieder zu Serenya. „Du wirst es auch sein. Das geht vorbei. Die Panik geht zuerst vorbei. Dann kommt etwas anderes.“

Myris trat nun über die Schwelle, als gehöre sie wirklich hierher. Der Mantel streifte nicht einmal den Rahmen. Sie ging nicht zur Mitte des Raumes. Sie blieb seitlich, als wolle sie Serenya nicht die Flucht abschneiden.

„Darf ich?“, fragte sie und deutete auf die Kerzen.

Serenya nickte mechanisch.

Myris löschte nicht alle Kerzen. Nur zwei. Mit den Fingerspitzen, ohne dass die Flamme sie berührte. Serenya sah es und fühlte: Da war Kraft, aber sie wurde nicht zur Schau gestellt. Sie wurde dosiert.

„Du willst schreien“, sagte Myris.

Serenya öffnete den Mund, und für einen Moment glaubte sie wirklich, es würde kommen. Doch was herauskam, war ein heiseres, kindliches Geräusch.

„Ich wollte ihn nicht…“, brachte sie hervor. „Ich wollte das nicht.“

Myris’ Blick blieb ruhig. „Ich weiß.“

Und weil sie es sagte, ohne Mitleid zu heucheln und ohne Härte zu genießen, brach etwas in Serenya auf, das sie seit dem Morgen zusammengepresst hatte. Tränen kamen, aber sie fühlten sich anders an. Nicht warm. Eher wie Salz, das sich schämt.

Nera trat näher und reichte Serenya ein Tuch. Es war dunkel, sauber, roch nach Kräutern.

„Setz dich“, sagte Nera. „Bitte.“

Serenya sank auf den Stuhl, als sei ihr Körper plötzlich wieder schwer genug, um zu fallen.

Myris ging zwei Schritte zum Bett und blieb stehen. Sie blickte auf Caelan, und Serenya erwartete – sie wusste nicht was. Ekel. Interesse. Spott. Doch Myris’ Gesicht blieb so, wie es gewesen war: glatt.

„Sein Name?“, fragte Myris.

„Caelan“, flüsterte Serenya.

Myris nickte langsam. „Er hat dich gehalten.“

Serenya hob den Blick, scharf. „Du kennst ihn nicht.“

„Nein“, sagte Myris. „Aber ich kenne die Art von Mann, die du gewählt hast. Und ich kenne die Art von Fluch, die dich gewählt hat.“

Serenya schüttelte den Kopf, als könnte sie das Wort aus der Luft schlagen. „Fluch? Das war… Wein. Etwas… Gift.“

Myris drehte sich zu dem Tisch, auf dem noch die Karaffe stand. Der Blutkelch. Serenya hatte ihn nicht angerührt, seit sie zurückgekommen war. Er stand da wie ein Zeuge.

Myris nahm das Glas nicht in die Hand. Sie beugte sich nur darüber, atmete ein einziges Mal ein. Dann hob sie den Blick.

„Nicht Gift“, sagte sie. „Ein Tropfen Nacht. Nicht genug, um jeden zu brechen. Aber genug, um jemanden zu finden, der eine offene Tür in sich trägt.“

„Ich war die Tür“, flüsterte Serenya, und ihr Magen zog sich wieder zusammen.

Myris’ Stimme wurde weicher, ohne freundlich zu werden. „Du hast geschworen. Du hast dich gebunden. Das ist Stärke. In Marvalis nennen sie es Anstand. In der Nacht nennen wir es Anker.“

Nera stellte eine kleine Phiole auf den Tisch. Kristall, dünn, mit einem dunklen Inhalt, der kaum die Farbe hielt.

„Was ist das?“, fragte Serenya. Ihr Blick klebte daran, widerlich fasziniert.

„Ration“, sagte Nera. „Gezügeltes Blut. Es ist… vorbereitet. Es macht dich klarer. Es nimmt dir die Spitzen.“

Serenya wich zurück. „Ich will das nicht.“

Ihr Hals zog sich zusammen, als ob er widersprechen wollte. Das war das Demütigendste.

Myris setzte sich nicht. Sie blieb stehen, als wäre sie bereit, in jedem Moment zu verschwinden.

„Du willst es nicht“, sagte sie. „Und doch wirst du es brauchen, sonst wirst du in dieser Stadt etwas tun, das lauter ist als die Nacht deiner Verlobung.“

Serenya starrte auf Caelan. „Lauter?“

Myris’ Augen verengten sich kaum merklich. „Die Blutwächter hören Geburtsschreie. Und du hast in der Nacht geschrien, ohne es zu wissen.“

Das Wort Blutwächter traf Serenya wie kaltes Wasser. Sie kannte Geschichten. Jeder in Velmorien kannte sie. Männer und Frauen in grauen Mänteln, mit Silberzeichen und Asche in den Säumen, die keine Deals machten und keine Tränen kauften.

„Sie kommen?“, flüsterte Serenya.

„Nicht jetzt“, sagte Myris. „Aber bald. Und sie werden nicht zuerst dich suchen. Sie werden den Riss suchen. Den Geruch. Die Spur.“

Nera trat näher, hielt die Phiole hoch, als wäre es eine Medizin.

„Nur ein Tropfen“, sagte sie. „Du musst nicht trinken wie…“ Sie brach ab, als hätte sie das Wort Monster auf der Zunge und wollte es nicht schmecken.

Serenya atmete flach. Ihr Blick glitt zur Phiole. Der Durst drückte von innen, unbarmherzig.

„Wenn ich das trinke“, flüsterte sie, „bin ich dann… so?“

Myris antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: „Du bist schon so. Der Tropfen ändert nicht, was du bist. Er entscheidet nur, ob du dich selbst noch erkennst.“

Serenya nahm die Phiole. Ihre Finger zitterten nicht mehr vor Kälte, sondern vor dem Wissen.

Sie führte sie an die Lippen. Sie roch daran – und es war, als würde der Duft sich direkt in ihren Hals legen und dort warten.

Ein Tropfen.

Der Geschmack war nicht süß. Nicht salzig. Er war… tief. Wie ein Satz, den man nicht widerlegen kann. Serenya spürte, wie sich etwas in ihr beruhigte, als würde ein Tier sich hinlegen. Der Durst blieb, aber er wurde klarer, weniger schreiend.

Sie stellte die Phiole ab, als wäre sie heiß.

Nera atmete aus, als hätte sie die Luft die ganze Zeit gehalten.

Myris trat wieder an den Tisch. Sie zog aus der Innentasche ihres Mantels ein kleines Stück dunkles Wachs, fast schwarz, und einen schmalen Ring aus Metall, in den ein Stein eingelassen war, der matt blieb.

„Bevor du fragst“, sagte Myris, „nein. Das ist kein Schmuck. Das ist ein Siegel.“

Serenya sah den Ring an. „Ein… Zeichen?“

„Ein Vertrag“, sagte Myris. „Du bist in Marvalis geboren worden – neu geboren, meine ich. Die Stadt ist nicht freundlich zu Ungebundenen. Und der Hof ist nicht großzügig zu denen, die unseren Schutz nehmen und dann vergessen.“

Serenya spürte, wie ihr Rücken sich straffte. Ein Teil von ihr – der Teil, der gestern noch Verlobte gewesen war – suchte nach Würde.

„Ich habe nichts…“, begann sie.

„Du hast mehr, als du denkst“, sagte Myris. „Du hast einen Namen. Du hast Zugang. Du hast gelernt, wie man in Räumen steht, ohne zu schreien. Das sind Talente, die die Nacht schätzt.“

Nera blickte kurz zu Caelan, dann senkte sie die Augen. Serenya merkte: Nera kannte diese Szene. Nicht diese, aber diese Art.

Myris legte den Ring auf den Tisch. Neben die Phiole. Neben den Blutkelch, der noch immer dort stand wie ein schlechtes Omen.

„Hör zu“, sagte Myris. „Der Hof der Blutnacht ist keine Kirche. Wir vergeben keine Sünden. Wir sind eine Ordnung. In einer Welt, die für uns keinen Platz vorgesehen hat, schaffen wir uns Regeln, bevor andere sie uns in Silber schneiden.“

Serenya starrte sie an, trotz der Tränen, trotz der Übelkeit. „Regeln.“

Myris hob einen Finger.

„Erstens: Schweigen. Was du heute bist, ist keine Geschichte für den Marktplatz. Kein Geständnis für deine Familie. Keine Beichte für einen Priester. Jeder Satz, den du sprichst, wird zur Spur.“

Zweiter Finger.

„Zweitens: Maß. Du jagst nicht, wo du willst. Du jagst nicht, wen du willst. Du tötest nicht, weil du Durst hast. Du lernst, zu nehmen, ohne zu vernichten.“

Dritter Finger.

„Drittens: Zoll. Blut ist nicht nur Nahrung. Blut ist Münze. Wer in unseren Revieren jagt, zahlt. Wer unter unserem Dach überlebt, gibt. Du wirst Abgaben leisten. Nicht, um uns zu bereichern – sondern um die Ordnung zu halten, die dich gerade rettet.“

Vierter Finger, kurz.

„Viertens: Keine Unruhe. Du lockst keine Blutwächter. Du lockst keine Lichtorden. Du bringst keine Kriege in unsere Keller. Wer das tut, ist eine Gefahr. Und Gefahren werden entfernt.“

Serenya hörte das Wort entfernt und spürte, wie es sich in ihr festsetzte.

„Und was…“, flüsterte sie, „was bin ich dann? Eine Dienerin?“

Myris’ Mundwinkel hoben sich kaum. Es war kein Lächeln. Eher Anerkennung.

„Du wirst eine von uns“, sagte sie. „Wenn du es überlebst. Zuerst wirst du lernen. Dann wirst du dienen. Später – wenn du klug bist – wirst du verhandeln können.“

Nera trat näher an Serenya heran, als wolle sie das Schlimmste abfangen. „Es ist nicht… nur Gehorsam“, sagte sie leise. „Es ist auch Schutz. Sie hätten dich sonst längst gerochen. Menschen. Wachen. Jemand hätte die Tür aufgebrochen. Und du… du wärst geflohen. Und dann…“

Nera brach ab.

Serenya wusste, wie Nera den Satz beendet hätte: Und dann hättest du mehr getötet.

Serenya sah wieder zu Caelan. Sein Gesicht war friedlich. Es war, als würde die Welt ihr die grausamste Version von Schönheit schenken.

„Was passiert mit ihm?“, fragte sie.

Myris’ Blick wurde einen Hauch ernster. „Er darf nicht so gefunden werden.“

Serenya zuckte zusammen. „Ich kann ihn nicht… verstecken.“

„Nein“, sagte Myris. „Du nicht. Du würdest dabei wieder Durst fühlen. Und du würdest dich selbst hassen, wenn dein Körper…“ Sie ließ den Satz offen.

Nera räusperte sich. „Wir bringen ihn weg“, sagte sie. „Und wir geben der Stadt eine Geschichte, die sie versteht. Ein Herz. Ein Schlag. Ein Unglück. Marvalis glaubt lieber an Zufälle als an Monster.“

Serenya schloss die Augen. Ein Teil von ihr wollte schreien: Das ist er nicht. Er ist kein Unglück. Er ist mein Leben.

Doch das Leben war vorbei.

Myris nahm das dunkle Wachs und hielt es in der Hand. „Der Blutkelch war kein Zufall“, sagte sie. „Jemand hat ihn geöffnet. Jemand hat Nachtblut in eine Karaffe gegossen, die für ein Fest bestimmt war.“

Serenya riss die Augen auf. „Warum?“

Myris’ Augen waren wieder Spiegel. „Weil man Vampire nicht einfach ‚macht‘. Man findet sie. Man ruft sie. Und manchmal lockt man sie an Orte, an denen sie nützlich sind.“

Serenya spürte, wie ihr Herz – dieses sparsame, neue Herz – schneller schlug. „Du meinst… jemand wollte mich?“

„Vielleicht dich“, sagte Myris. „Vielleicht nur irgendwen, der stark genug ist, nicht sofort zu verbrennen. Aber du warst… geeignet.“

Serenya dachte an das Siegel auf der Kiste, an das dunkle Rot. Sie dachte an ihren Onkel, der den Kelch so stolz gehoben hatte. Und plötzlich wurde ihr klar, wie groß Marvalis ist – und wie klein man ist, wenn andere Züge planen.

„Ich habe niemandem—“, begann sie.

„Noch nicht“, sagte Myris. „Und das ist gut. Denn jetzt lernst du zuerst, zu schweigen.“

Myris nahm den Ring und legte ihn neben Serenyas Hand. „Das Siegel ist nicht nur für uns. Es ist auch für dich. Es sagt jedem in der Nacht: Diese hier steht unter Schutz. Wer sie ohne Recht verletzt, verletzt den Hof.“

Serenya betrachtete den Ring. „Und wenn ich ihn nicht nehme?“

Myris’ Antwort kam sofort, ohne Drohung, ohne Hitze: „Dann gehst du allein hinaus. Du versuchst, einen Morgen zu überleben, der dich hasst. Du wirst in den Schatten einer Gasse geraten, weil du glaubst, dort sei Ruhe. Und du wirst den ersten Menschen nehmen, der dich aus Versehen ansieht. Dann wirst du zweites Mal geboren, weil du diesmal wirklich zum Monster wirst. Und dann werden die Blutwächter nicht mehr fragen, ob du erlöst werden kannst.“

Das Wort erlöst blieb einen Moment in der Luft, wie ein Funke.

Serenya sah Myris an. „Erlöst.“

Myris reagierte kaum. „Das ist ein Wort, das Lichtorden mögen. Wir verwenden es selten. Aber die Blutwächter verwenden es gern, wenn sie ihren Jagdtrieb einen Mantel geben.“

Serenya spürte eine seltsame, schwache Hoffnung, die sie sofort hasste. Hoffnung hatte Caelan getötet, dachte sie bitter. Hoffnung hatte sie glauben lassen, die Welt könne einfach sein.

„Was sind… meine Aufgaben?“, fragte sie, und ihr eigener Ton überraschte sie. Er war nicht ergeben. Er war leer.

Myris nickte, als hätte sie darauf gewartet, dass Serenya von sich aus fragt. „Für den Anfang“, sagte sie, „drei Dinge.“

Sie hob den ersten Finger.

„Du lernst. Wie man trinkt, ohne zu töten. Wie man sich bewegt, ohne Spuren zu hinterlassen. Wie man sich in Marvalis versteckt, ohne in den Dreck zu fallen. Nera wird dir helfen.“

Nera senkte kurz den Kopf. Serenya sah darin etwas wie Stolz – oder Pflicht.

Zweiter Finger.

„Du zahlst. Nicht sofort in Blut, wenn du es nicht kannst. Du zahlst in Information. Wer hat den Blutkelch beschafft? Wer hat ihn versiegelt? Wer wusste, dass er in deiner Nacht geöffnet wird? Du kennst die Gesichter. Du kennst die Stimmen. Du erinnerst dich. Du gibst uns das.“

Serenya schluckte. Der Gedanke, ihr eigenes Haus zu verraten, war bitter. Doch der Gedanke, dass jemand das geplant haben könnte, war bitterer.

Dritter Finger.

„Du dienst“, sagte Myris. „Nicht als Sklavin. Als Hand. Du wirst Dinge tun, die am Tag nicht getan werden können. Botengänge. Beobachtung. Ein Wort hier, eine Warnung dort. Du wirst lernen, dass Macht in Marvalis nicht in Klingen wohnt, sondern in Türen.“

Serenya starrte auf den Ring.

„Und wenn ich es nicht kann?“, flüsterte sie.

Myris’ Stimme wurde ein wenig leiser. „Dann wirst du sterben. Nicht, weil ich es will. Weil die Welt es will. Und weil du, wenn du nicht lernst, irgendwann selbst danach verlangen wirst.“

Serenya nahm den Ring.

Er war kälter, als Metall sein dürfte. Als sie ihn an ihren Finger schob, spürte sie einen kurzen, stechenden Schmerz. Nicht im Finger. Im Brustkorb. Als hätte sich etwas in ihr verhakt.

Myris nahm das dunkle Wachs. „Ein Tropfen“, sagte sie.

Serenya sah sie an, verwirrt.

Nera zog ein kleines Messer hervor, so dünn, dass es eher eine Nadel war. Sie reichte es Serenya mit beiden Händen, als übergebe sie ein heiliges Werkzeug.

Serenya nahm es. Sie stach sich in die Fingerkuppe. Es tat kaum weh. Doch als das Blut austrat, spürte sie den Durst wie einen Schritt nach vorn.

Sie zwang sich, nicht zu lecken.

Der Tropfen fiel auf das Wachs. Myris drückte das Wachs kurz gegen den Ringstein. Serenya hörte ein leises Knacken, als würde ein Siegel sich schließen.

Und dann spürte sie es: eine Präsenz, fern, wie ein Netz, das sich um sie legt. Keine Kette. Eher eine Markierung. Sie war gesehen.

Myris steckte das Messer weg, als wäre nichts geschehen. „Gut“, sagte sie. „Jetzt hörst du auf, ans Licht zu denken.“

Serenya sah zum Fenster. Das Grau war heller geworden. Es tat in den Augen weh.

„Wir gehen“, sagte Myris.

Serenya sprang auf. „Ich kann ihn nicht… ich kann ihn nicht hier lassen.“

Nera trat zu ihr. Ihre Stimme war sanft, aber fest. „Wir holen ihn“, sagte sie. „Du darfst nicht dabei sein. Nicht heute. Nicht jetzt.“

Serenya starrte Nera an, und ihr Gesicht verzog sich. „Als wäre er… als wäre er nur…“

„Er ist nicht nur“, sagte Nera schnell. „Aber du bist jetzt etwas, das du nicht gewählt hast. Und diese Stadt wird nicht warten, bis du trauern gelernt hast.“

Myris ging zur Tür. Sie öffnete sie nur einen Spalt. Draußen war der Flur leer. Doch Serenya spürte sofort: Da war Bewegung. Nicht direkt vor der Tür, aber irgendwo weiter unten. Geräusche. Ein Husten. Schritte von Wachen oder Nachbarn, die den Morgen beginnen.

Myris wandte sich nicht um. „Die Blutwächter sind noch nicht hier“, sagte sie. „Aber Menschen sind es. Und Menschen sind manchmal gefährlicher, weil sie neugierig sind.“

Serenya straffte die Schultern, wie sie es immer tat, wenn sie nicht wusste, wie man atmet.

Myris deutete auf Serenyas Gesicht. „Wisch dir den Mund ab.“

Serenya fuhr mit der Hand über die Lippen. Sie spürte nichts. Doch der Geruch war da. Ein Hauch, den andere nicht bemerkten – aber die Nacht.

Nera zog eine kleine Dose aus ihrer Tasche. Sie öffnete sie. Darin war graues Pulver.

„Aschesalz“, sagte sie. „Es nimmt den Geruch. Nicht für immer. Für den Weg.“

Serenya wollte fragen, wie viele Dinge die Nacht erfunden hatte, um sich selbst zu verstecken. Doch sie hielt den Mund. Schweigen. Erste Regel.

Nera strich ihr das Aschesalz sanft über die Lippen und den Hals. Es fühlte sich an wie kalter Staub. Serenya fröstelte.

„Nicht atmen“, murmelte Nera.

Serenya hielt den Atem. Der Hals zog. Der Durst protestierte. Doch der Tropfen Blut in ihr war wie ein Gewicht, das sie runterzog und zugleich zusammenhielt.

Myris ging voran. Serenya folgte, Nera dicht hinter ihr.

Sie traten in den Flur. Das Licht war milchig. Serenya spürte, wie es sich in ihre Haut schnitt, nicht als Schmerz, sondern als unangenehme Wahrheit: Du gehörst nicht mehr hierher.

Sie gingen leise. Nicht schleichen, nicht auffällig. Einfach so, als hätten sie jedes Recht, hier zu sein. Myris bewegte sich wie eine Adlige, die sich nicht entschuldigt. Und Serenya merkte: Diese Art von Sicherheit ist eine Waffe.

An der Treppe blieb Myris kurz stehen. Sie lauschte.

Unten, im Kontorraum, hörte man Stimmen. Männer. Wachen oder Arbeiter. Vielleicht jemand, der nach dem Fest aufräumt. Vielleicht jemand, der etwas gesucht hat.

Myris wandte sich zu Serenya. „Hör zu“, sagte sie, so leise, dass nur Serenya es verstand. „Du wirst gleich eine Tür passieren. Wenn du sie durchgehst, ist dein altes Leben hinter dir. Du darfst dich umdrehen. Aber du darfst nicht zurückgehen.“

Serenyas Augen brannten. „Ich…“

Myris’ Blick war ruhig. „Du kannst ihn lieben. Aber du kannst ihn nicht retten.“

Das war der Satz, der Serenya den Atem nahm.

Sie stieg die Treppe hinab, jeden Schritt wie ein Abschied.

Unten war eine Seitentür, halb verborgen hinter einem Stapel Kisten. Myris drückte sie auf. Dahinter war kein Hof, keine Gasse, sondern ein schmaler Gang, der nach feuchtem Stein roch. Ein Wartungstunnel, wie Serenya erkannte. Marvalis hatte viele davon. Man baut eine Stadt nicht auf Wasser, ohne sich Wege zu graben.

„Hier“, sagte Nera und nahm Serenyas Arm.

Serenya ging hinein. Der Gang war dunkel. Das war eine Erleichterung. Die Dunkelheit war nicht freundlich, aber sie tat nicht weh.

Hinter ihnen schloss sich die Tür. Das Geräusch war leise, aber es klang wie ein Siegel.

Serenya blieb kurz stehen. In der Ferne hörte man das Meer. Oder war es nur der Regen in den Schächten? Sie wusste es nicht.

Sie legte die Hand auf den Ring. Der Stein blieb matt, als würde er nichts reflektieren.

„Wo bringt ihr mich hin?“, fragte sie.

Myris ging weiter, ohne zu zögern. „Nach unten“, sagte sie. „Dorthin, wo Marvalis ehrlich ist. In ein Haus, das nicht am Tag existiert.“

Serenya folgte. Und während der Tunnel sie verschluckte, dachte sie an Caelan, an sein warmes Lächeln, an den Schwur, der sie zu einem Anker gemacht hatte.

Sie hatte geglaubt, die Nacht trüge eine Krone aus Samt.

Jetzt wusste sie: Die Krone war aus Blut.

Und der Hof hatte sie ihr aufgesetzt.