Kapitel 6 – Der Schnittkreis

Der Rückweg zum Haus unter Marvalis war stiller als der Hinweg. Nicht, weil die Stadt leiser geworden war, sondern weil Serenya gelernt hatte, ihre Ohren nicht mehr an jeden Laut zu hängen. Sie ging neben Nera, und sie merkte, dass sie dieselbe Art von Schritten machten: kurz, sicher, ohne zu zögern, als würde Zögern schon eine Einladung sein.

Sie hatten den Südquai hinter sich gelassen. Die Ätherlaternen wurden seltener, das Licht flacher, die Halos im Wasser kleiner. Regen fiel, aber der Wind hatte gedreht; er roch nicht mehr nach Salz, sondern nach Rauch und nassem Stein. Marvalis wechselte Gesichter, wie ein Mensch wechselte Masken.

Nera sagte kaum etwas. Sie gab Zeichen: Hand auf den Arm, Kopf nach links, schneller, langsamer. Serenya folgte, und jeder Gehorsam schmeckte bitter, weil sie wusste, dass er notwendig ist.

Als sie in das Lagerhaus zurückkehrten, in dessen Schatten der Hof seine Türen verborgen hielt, war da ein Moment, in dem Serenya glaubte, die Wand würde sie nicht wieder einlassen. Als wäre das Haus ein Wesen, das prüft, ob man die Nacht würdig betreten darf.

Doch die Steinplatte gab nach, die verborgene Tür öffnete sich, und der warme, gedämpfte Äthergeruch schlug ihnen entgegen. Es war keine Wärme des Trostes. Es war Wärme des Verstecks.

Sie gingen hinab.

Der Hof nahm sie wieder auf, ohne Fragen auf dem Gang. Fragen stellte man hier drinnen nur hinter Türen.

Valen wartete bereits, als hätte er nicht geschlafen. Er stand im Kammerraum, das Buch in der Hand, die Feder bereit. Myris war da, die Arme verschränkt, der Blick ruhig. Und in der Ecke, halb im Schatten, stand Fürstin Althéa.

Serenya spürte den Raum sofort anders, als hätte jemand die Luft verdichtet. Althéas Präsenz war keine Drohung. Sie war… Gewicht. Ein Gewicht, das sich nicht bewegt, weil es nicht muss.

„Zurück“, sagte Althéa.

Es war keine Begrüßung. Es war ein Urteil.

Nera neigte den Kopf. „Ja, Fürstin.“

Serenya tat es auch, einen Atemzug später. Sie merkte, dass sie sich nicht mehr dagegen wehrte. Ein Teil von ihr hatte verstanden: Stolz ist teuer, wenn man ihn in einer Nachtordnung bezahlt.

Althéa deutete mit zwei Fingern auf den Tisch. „Gib.“

Nera zog den Lederbeutel hervor, legte ihn hin. Dann das Papier aus dem Kontor. Dann die Liste vom Südquai.

Valen öffnete sein Buch, als würde er ein Konto führen. „Aufgabe eins erfüllt“, murmelte er. „Aufgabe zwei erfüllt. Kein Todesfall. Keine Unruhe.“

Serenya spürte, wie das Wort Unruhe wie ein kalter Streifen über ihre Haut ging. Sie dachte an den Mann in Grau, an die Art, wie er gesprochen hatte, als wäre er nicht hier, um zu jagen, sondern zu ordnen.

Althéa nahm die Papiere nicht sofort. Sie blickte zuerst Serenya an.

„Du hast deinen Mund zu oft geöffnet“, sagte sie.

Serenya erstarrte. Nera sah kurz zu Boden.

„Ich…“, begann Serenya.

„Keine Erklärung“, sagte Althéa. „Erklärung ist ein Luxus. Und Luxus ist Lärm.“

Serenya schloss den Mund. Sie spürte Scham – nicht wie früher, nicht wie in einem Salon. Diese Scham war praktisch. Sie war eine Warnung.

Althéa wandte sich den Papieren zu. Sie betrachtete das Zeichen: Kreis mit Schnitt. Ihr Gesicht blieb ruhig, doch Serenya merkte, dass ihr Blick einen Hauch härter wurde.

„Schnittkreis“, sagte Althéa leise.

Myris nickte. „Ich dachte es auch.“

Nera sah zwischen beiden hin und her. „Ist es—“

„Alt“, sagte Althéa. „Nicht alt wie Geschichte. Alt wie Gewohnheit. Ein Handelskreis, der Dinge bewegt, die nicht bewegt werden dürfen. Manche nennen ihn Klingenhof. Andere nennen ihn Kairn-Handel. In Marvalis hat jedes Gift drei Namen.“

Serenya spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Und der Blutkelch…“

Althéa hob die Hand. „War eine Lieferung“, sagte sie. „Keine Laune. Keine Romantik. Eine Lieferung.“

Serenya dachte an Caelan, an den Abend, an das Lachen, das wie Glück geklungen hatte. Lieferung. Das Wort war brutal, weil es alles entzauberte.

Althéa las die Abkürzung auf Harveks Liste: K.-H.

„Knotenpunkt“, sagte Myris.

Althéa nickte. „Und ein Knotenpunkt bedeutet: Entweder jemand außerhalb sucht uns – oder jemand innerhalb führt sie.“

Serenya spürte, wie der Satz in ihr nachhallte. Innerhalb.

„Meint ihr… der Hof?“, flüsterte sie.

Althéa sah sie an, und in ihrem Blick lag nichts Tröstliches. „Meinst du, wir sind frei von Gier?“, fragte sie ruhig. „Wir sind eine Ordnung. Ordnung ist ein Versprechen, kein Zustand. Man muss es halten. Jeden Tag. Jede Nacht.“

Valen schrieb. Die Feder kratzte. „Verrat ist ein Geräusch“, murmelte er.

Serenya wollte ihn hassen. Aber sie merkte, dass sie seine Kälte verstand: Geräusch. Muster. Spur.

Myris deutete auf das Papier aus dem Kontor. „Sonderlieferung, schwarzes Siegel, Kreis mit Schnitt“, sagte sie. „Und ein Angestellter hat die Wache erwähnt. Der Tag fragt.“

Althéa hob den Blick. „Und die Blutwächter?“

Nera atmete aus. „Am Südquai“, sagte sie. „Er war nah.“

Serenya spürte, wie der Raum wieder kälter wurde.

„Aldren Sorn“, sagte Myris. Sie sprach den Namen, als wäre er ein schmutziger Gegenstand, den man nur mit Tuch anfasst.

Althéa nickte, langsam. „Ich kenne ihn“, sagte sie. „Nicht persönlich. Aber ich kenne seine Art. Er lässt Räume still werden.“

Serenya hörte wieder seine Stimme: Ich bin nicht euer Feind. Erlösung ist möglich.

„Er hat… gesprochen“, sagte Serenya, bevor sie es verhindern konnte.

Althéa sah sie an. „Hat er?“

Serenya schluckte. Sie fühlte Neras Blick an sich, warnend.

„Er hat gesagt, er will verhindern“, sagte Serenya leise. „Nicht bestrafen.“

Myris’ Gesicht blieb ruhig, aber ihre Augen wurden hart. „Du hast zugehört.“

Serenya fühlte, wie sich ihr Hals zusammenzog. „Er hat nicht gedroht.“

„Genau“, sagte Myris. „Das ist die Falle.“

Althéa setzte sich nicht. Sie blieb stehen und wirkte dadurch noch größer.

„Blutwächter sind nicht immer Schlächter“, sagte Althéa. „Manche sind Richter. Manche sind Priester. Manche sind beides. Und die gefährlichsten sind die, die glauben, sie tun das Richtige.“

Serenya dachte an die Silberknoten, an den Aschegeruch. „Er hat Asche erkannt“, sagte sie.

Nera nickte. „Er hat es gesagt.“

Althéa sah zu Valen. „Schreib.“

Valen schrieb, ohne zu fragen. „Aldren Sorn: erkennt Aschesalz. Erkennt Kontrolle.“

„Das heißt“, sagte Althéa, „er wird nicht nach den wilden suchen. Er wird nach denen suchen, die es schaffen, nicht wild zu sein. Denn das sind die, die eine Organisation brauchen.“

Serenya spürte, wie ihr Magen sank. Sie war kein Zufallsmonster mehr. Sie war ein Zeichen.

Myris trat näher an den Tisch. „Der Schnittkreis hat den Blutkelch bewegt“, sagte sie. „Und er hat ihn nicht irgendwo geöffnet. Er hat ihn bei Serenya geöffnet.“

Althéa betrachtete Serenya, und Serenya spürte, wie ihr Ring sich plötzlich schwer anfühlte.

„Warum du?“, fragte Althéa.

Serenya öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Sie hatte keine Antwort. Keine, die nicht wie Selbstmitleid klingt.

Nera sprach leise. „Samtkrone“, sagte sie. „Bindung. Vielleicht haben sie es gerochen. Oder gewusst.“

Valen nickte, als wäre das ein Eintrag. „Samtkrone ist selten“, murmelte er. „Samtkrone ist kontrollierbar. Kontrollierbar ist nützlich.“

Serenya schloss die Hände zu Fäusten. „Ich bin kein Werkzeug.“

Althéa sah sie an. „Doch“, sagte sie ruhig. „Im Moment bist du es. Oder du bist tot. Du hast die Wahl: Werkzeug mit Griff oder Klinge ohne Hand. Beides schneidet. Nur eins gehört noch dir.“

Serenya spürte, wie Wut und Angst sich in ihr mischten. Und wie die Wut ihr half, nicht zu zerbrechen.

Althéa nahm die Liste vom Südquai, las die Kürzel, die Zahlen. Dann sah sie zu Myris.

„Der Schnittkreis hat einen Treffpunkt“, sagte sie.

Myris nickte. „Wir können ihn finden. Aber wir müssen leise sein.“

Althéa hob zwei Finger. „Es gibt zwei Wege“, sagte sie. „Der erste: Wir schneiden den Knoten. Wir töten den Händler, der den Blutkelch bewegt hat, und wir verbrennen seine Listen.“

Serenya spürte, wie ihr Hals trocken wurde. Töten. So selbstverständlich.

„Der zweite“, fuhr Althéa fort, „ist riskanter. Wir gehen hinein. Wir finden den Ursprung. Und wir finden heraus, ob der Schnittkreis nur Ware bewegt – oder ob er Blutwächter füttert.“

Nera hob den Blick. „Wenn er sie füttert…“

„Dann haben wir einen Verräter“, sagte Althéa. „Oder einen Erpressten. Oder einen Dummen. Und Dumme sind manchmal gefährlicher als Verräter, weil sie nicht wissen, dass sie handeln.“

Valen schrieb wieder. „Schnittkreis: mögliche Verbindung zum Tag.“

Myris atmete aus. „Wir brauchen Augen“, sagte sie. „Und wir brauchen eine Person, die in diese Welt passt.“

Althéa sah Serenya an.

Serenya spürte es, bevor es ausgesprochen wurde. Der Raum zog sich zusammen. Wie in jener Nacht, als alles zu einem Punkt geworden war.

„Nein“, sagte Serenya, und ihr Ton überraschte sie. Er war nicht flehend. Er war klar.

Althéa hob eine Braue. „Warum nicht?“

Serenya kämpfte nach Worten. „Weil ich… weil ich dort… weil es mein Haus ist. Mein Onkel. Meine Leute. Ich—“

„Genau deshalb“, sagte Althéa. „Du kennst den Tonfall. Du kennst die Wege. Du kennst, wie man in Marvalis Räume betritt, ohne dass man dich fragt, warum.“

Serenya spürte, wie sich die Schuld wieder meldete, wie ein Tier, das aus einem Loch schaut. Sie wollte nicht zurück. Nicht dahin, wo Caelan noch gestern gelacht hatte.

Myris trat einen Schritt vor, und ihr Blick war nicht hart, sondern… nüchtern.

„Wir bringen dich nicht zurück, um dich zu quälen“, sagte Myris. „Wir bringen dich zurück, weil du die einzige bist, die die Lieferung gesehen hat, bevor sie dir den Hals geöffnet hat.“

Serenya zuckte zusammen.

Nera legte Serenyas Hand kurz an. Eine stille Geste, die sagte: Ich lasse dich nicht fallen.

„Du gehst nicht allein“, sagte Althéa. „Myris wird führen. Du wirst sehen. Du wirst erinnern. Du wirst schweigen.“

Serenya sah zu Nera. Nera nickte kaum merklich.

Valen hob den Blick. „Wenn sie geht“, sagte er, „muss sie einen Schattennamen tragen, der nicht an den Hof bindet.“

Althéa nickte. „Samtkrone bleibt“, sagte sie. „Aber nur für uns. Für die Welt draußen bekommt sie einen einfachen Namen. Eine Maske.“

Serenya verstand: Sie würde wieder zu einer Rolle werden. Nicht Verlobte. Nicht Tochter. Nicht Händlerkind. Etwas Dazwischen.

Myris sah Althéa an. „Und wenn Aldren Sorn—“

Althéa hob die Hand. „Dann wird er handeln“, sagte sie. „Und wir werden entscheiden, ob wir kämpfen oder weichen.“

Serenya spürte, wie kalt dieses Wir klang. Wie eine Organisation. Wie ein Hof.

Und doch hatte dieser Hof sie heute gerettet.

„Wann?“, fragte Serenya leise.

„Heute“, sagte Althéa.

Serenya starrte sie an. „Heute Nacht? Schon wieder?“

Althéa nickte. „Du bist frisch. Frisch bedeutet: Deine Spur ist noch warm. Wenn wir warten, wird sie kalt. Und kalte Spuren sind schwerer zu lesen.“

Serenya schluckte. Sie fühlte sich plötzlich wieder wie in einem Gericht, nur dass der Richter keine Robe trug, sondern einen Mantel aus Nacht.

Althéa trat einen Schritt näher. „Und noch etwas“, sagte sie. „Wenn du dich heute Nacht verlierst, Samtkrone, dann verlierst du nicht nur dich. Du verlierst Nera. Du verlierst Myris. Du verlierst dieses Haus.“

Serenya nickte langsam. „Ich verstehe.“

Althéa betrachtete sie noch einen Moment. Dann wandte sie sich ab. „Dann beginne zu verstehen schneller“, sagte sie. „Denn der Mann in Grau beginnt bereits zu verstehen.“

Später, in einem kleineren Raum, bereitete Nera Serenya vor. Nicht wie eine Dienerin, sondern wie eine Schwester, die weiß, dass man bei der falschen Bewegung stirbt.

Sie band Serenyas Haare anders, tiefer, damit das Gesicht schmaler wirkte. Sie gab ihr einen Mantel, dessen Kragen höher war als üblich. Sie strich Aschesalz sparsam über den Hals.

„Nicht zu viel“, murmelte Nera. „Zu viel ist auffällig. Zu wenig ist gefährlich. Du willst wie Staub riechen, nicht wie Ritual.“

Serenya stand still und ließ es geschehen. Sie merkte, dass sie nicht mehr fragte, ob sie das will. Sie fragte nur, wie sie es überlebt.

Nera reichte ihr eine Phiole. „Halb“, sagte sie.

Serenya trank halb. Der Hunger wurde weich genug, um zu schweigen.

„Wenn du heute Nacht jemanden liebst“, sagte Nera plötzlich, ohne den Blick zu heben, „dann wirst du sterben.“

Serenya erstarrte. „Was?“

Nera sah sie an. In ihren Augen lag eine Härte, die Serenya vorher nicht gesehen hatte. Nicht gegen sie gerichtet. Gegen die Welt.

„Ich meine nicht Liebe wie…“, Nera stockte, und Serenya merkte, dass es auch Nera schwer fiel, das Wort zu benutzen. „Ich meine: Wenn du jemanden ansiehst, als wäre er dein Halt. Wenn du jemanden brauchst. Dann wird dein Hunger ihn finden.“

Serenya schluckte. „Ich werde niemanden brauchen.“

Nera nickte, als hätte sie diese Lüge erwartet. „Dann brauchst du uns“, sagte sie leise. „Und das ist weniger gefährlich, weil wir wissen, was du bist.“

Serenya spürte einen Knoten im Hals. Dankbarkeit war gefährlich, dachte sie. Denn Dankbarkeit ist eine Form von Nähe.

„Wo gehen wir?“, fragte Serenya.

Nera zögerte. „Zum Klingenhof“, sagte sie. „Nicht in die Halle. In eine Hinterstube. Ein Ort, an dem Leute sich treffen, die nicht in Listen stehen wollen.“

Serenya runzelte die Stirn. „Und wie kommen wir hinein?“

Nera griff in ihre Tasche und zog ein Stück dunkles Wachs hervor, geprägt mit dem Kreis und dem Schnitt. „So“, sagte sie. „Der Hof hat… Türen. Nicht alle sind unsere. Aber manche öffnen sich, wenn man das richtige Zeichen hat.“

Serenya spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Das heißt, wir handeln mit ihnen.“

Nera sah sie an. „Wir handeln mit allem, was uns am Leben hält“, sagte sie. „Du wirst lernen, dass Moral am Tag eine Fahne ist. In der Nacht ist sie eine Last. Manchmal trägt man sie. Manchmal legt man sie ab, um nicht zu sterben.“

Serenya dachte an Caelan. Er hätte Moral getragen. Bis zum Ende. Und gerade das hatte ihn getötet.

Sie schloss die Augen und atmete flach.

Ein Klopfen an der Tür. Myris trat ein.

„Bereit?“, fragte Myris.

Serenya nickte.

Myris betrachtete sie kurz. „Du siehst weniger wie du aus“, sagte sie.

Serenya wusste nicht, ob das ein Lob ist.

„Gut“, sagte Myris.

Sie gingen.

Der Klingenhof lag nicht dort, wo der Name ihn vermuten ließ. Er lag nicht an einer Klinge, nicht an einem Hof. Er lag in einer Reihe alter Werkstätten nahe der Nordbrücke, dort, wo Metall verarbeitet wird, wo man nachts noch Hämmern hört, weil manche Arbeit nicht warten will.

Die Werkstätten waren tagsüber voll von Feuer und Lärm. Nachts waren sie stiller, aber nicht tot. In einer der Gassen brannte eine einzelne Lampe, deren Glas nicht rot war wie im Hof, sondern grünlich, krank, als wäre das Licht hier verdorben.

Myris führte, Nera ging neben Serenya. Sie hielten Abstand zu den größeren Straßen. Sie gingen nicht hastig. Sie gingen, als hätten sie einen Grund.

Serenya spürte den Unterschied: Myris bewegte sich wie jemand, der überall einen Grund hat. Nera bewegte sich wie jemand, der den Grund notfalls erfindet. Serenya bewegte sich wie jemand, der hofft, niemand fragt.

Vor einer Tür aus Metall blieb Myris stehen. Kein Schild. Kein Klopfer. Nur eine kleine Vertiefung im Rahmen, gerade groß genug für ein Siegel.

Myris nahm das dunkle Wachs, drückte es hinein. Ein kurzer Moment, dann ein leises Klicken, als hätte ein Mechanismus den Druck erkannt.

Die Tür öffnete sich.

Drinnen war es warm. Nicht angenehm warm. Warm wie in einer Werkstatt, in der Metall noch nachglüht. Es roch nach Öl, nach Schweiß, nach kaltem Rauch. Und darunter war ein Geruch, der Serenya sofort den Hals enger machte: Blut.

Nicht frisch. Nicht warm. Eher der Geruch von Stoff, der einmal Blut getragen hat und nie ganz sauber wird.

Ein Mann stand im Raum, groß, breit, die Arme verschränkt. Sein Gesicht war schwer, seine Nase einmal gebrochen. Er trug eine Schürze, als hätte er gerade gearbeitet. Seine Augen waren wach.

„Zu spät“, sagte er.

Myris hob den Blick. „Zu früh“, antwortete sie.

Der Mann musterte Myris, dann Nera, dann Serenya. Sein Blick blieb an Serenyas Hals hängen. Serenya spürte den Hunger sich regen, nicht als Wunsch, sondern als Alarm. Er roch menschlich. Lebendig. Ein Risiko.

„Neu“, sagte der Mann.

Myris sagte nichts.

„Ihr bringt eure Neuen jetzt zu mir?“, fragte der Mann, und sein Ton war nicht spöttisch. Er war… vorsichtig.

Nera trat einen Schritt vor. „Wir bringen niemanden“, sagte sie. „Wir kommen, um zu fragen.“

Der Mann lachte kurz. „Fragen kosten.“

Myris nickte. „Wir zahlen.“

Sie zog eine kleine Münze hervor, nicht aus Gold, nicht aus Silber, sondern aus einem dunklen Metall, das das Licht schluckte. Sie legte sie auf den Tisch.

Der Mann betrachtete die Münze. Sein Blick verriet, dass er wusste, was sie ist. Er nahm sie nicht sofort.

„Und was wollt ihr?“, fragte er.

Myris’ Stimme blieb ruhig. „Die Karaffe“, sagte sie. „Das schwarze Siegel. Der Kreis mit dem Schnitt. Wer hat es bewegt?“

Der Mann hob eine Braue. „Viele bewegen Dinge“, sagte er. „Nicht alles bewegt euch.“

„Dieses hat uns bewegt“, sagte Nera leise.

Der Mann sah Nera an, und etwas in seinem Blick wurde härter. „Euer Problem“, sagte er, „ist nicht meine Ware. Euer Problem ist, dass ihr glaubt, ihr seid die Einzigen, die die Nacht kennen.“

Myris hielt den Blick. „Wir glauben das nicht“, sagte sie. „Deshalb sind wir hier.“

Ein Moment Stille. Serenya hörte den Regen draußen, dumpf gegen Metall. Sie hörte den Atem des Mannes, ruhig. Sie hörte Neras Herz, sparsam. Und sie hörte den eigenen Hunger, der wie ein Hund an der Leine zog.

Der Mann trat näher. „Name“, sagte er.

Myris antwortete nicht.

„Der Name der Neuen“, sagte der Mann und deutete auf Serenya. „Damit ich weiß, ob ich mit einem Fehler rede oder mit einem Risiko.“

Serenya spürte, wie ihr Hals trocken wurde. Namen sind Spuren. Doch hier war die Spur der Preis.

Nera legte eine Hand auf Serenyas Arm. Ein stummes: Lass mich.

„Sie heißt…“, begann Nera.

Myris hob eine Hand. „Nein“, sagte sie.

Der Mann lächelte schief. „Dann bleibt ihr unwissend.“

Serenya spürte Wut. Nicht auf den Mann, sondern auf die Situation, auf das Netz, in dem sie jetzt hing.

„Samtkrone“, sagte Serenya.

Nera zuckte. Myris’ Augen verengten sich.

Der Mann lachte leise. „Das ist kein Name“, sagte er. „Das ist ein Fluch.“

Serenya hielt seinen Blick. „Dann ist es passend“, sagte sie.

Der Mann musterte sie einen Moment. Dann nickte er, als hätte er entschieden, dass sie nicht sofort bricht.

„Gut“, sagte er. „Dann hör zu, Samtkrone. Der Schnittkreis ist kein Hof. Er ist eine Straße. Und Straßen haben viele Füße.“

Myris trat einen Schritt näher. „Wer hat den Blutkelch geliefert?“, fragte sie erneut.

Der Mann atmete aus. „Ein Zwischenmann“, sagte er. „Er nennt sich Rauk. Er bringt Dinge, die nicht bleiben sollen. Er nimmt Münzen, die nicht zählen sollen.“

„Rauk“, wiederholte Nera.

Der Mann nickte. „Er arbeitet nicht für uns“, sagte er. „Er arbeitet für den, der am lautlosesten zahlt.“

Myris’ Stimme wurde kälter. „Wer zahlt?“

Der Mann lächelte wieder schief. „Wenn ich das wüsste und es sage, bin ich tot“, sagte er. „Und wenn ich es nicht sage, lebe ich vielleicht. Also sage ich es nicht.“

Myris schwieg einen Moment. Dann fragte sie: „Was weißt du?“

Der Mann zog eine Schublade auf, nahm ein Stück Papier heraus, riss es in zwei Teile und gab Myris nur die Hälfte.

„Ort“, sagte er. „Kein Name. Ein Ort, an dem Rauk manchmal auftaucht. Mehr nicht.“

Myris betrachtete die Hälfte. Serenya konnte nicht lesen, was darauf stand, nur ein paar Zeichen, die wie ein Straßenkürzel wirkten: „F.-G. / Hinterhof, dritte Tür.“

„Warum gibst du es uns?“, fragte Nera.

Der Mann nahm die dunkle Münze endlich, steckte sie in die Tasche. „Weil ich keine Blutwächter in meiner Straße will“, sagte er. „Und weil euer Problem, wenn es groß genug wird, mein Problem wird. Marvalis ist ein Tier. Wenn es irgendwo blutet, kommen alle.“

Serenya spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Blutwächter. Der Mann sprach das Wort, als hätte es Zähne.

Myris nickte. „Wir gehen“, sagte sie.

Der Mann blieb stehen. „Noch etwas“, sagte er.

Myris drehte sich um.

Der Mann betrachtete Serenya. „Wenn du Samtkrone bist“, sagte er, „dann bist du gebunden. Und gebundene Neuen sind… begehrt.“

Serenya spürte, wie ihr Hals enger wurde. „Begehrt von wem?“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Von denen, die glauben, sie können dich benutzen“, sagte er. „Vom Schnittkreis. Vom Hof. Von Blutwächtern. Und vielleicht…“ Er brach ab, als hätte er einen Gedanken verworfen.

Myris’ Blick wurde hart. „Sag es.“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er. „Das ist nicht mein Tod.“

Myris nahm Serenyas Arm. „Genug“, sagte sie leise. „Wir gehen.“

Sie traten wieder hinaus in den Regen.

Auf dem Rückweg spürte Serenya, dass die Luft anders war. Nicht kälter. Angespannter. Als hätte die Stadt einen Atemzug zu lange gehalten.

Sie gingen schneller, ohne zu rennen. Myris führte, Nera blieb dicht bei Serenya. Serenya wollte fragen, was auf dem Papier stand. Doch sie sagte nichts. Schweigen.

Als sie die Nordbrücke erreichten, sah Serenya am anderen Ende eine Gestalt, die nicht zum Regen passte.

Ein grauer Mantel. Ein ruhiger Schritt. Zwei Wachen des Tages, die ihm Platz machten, als wäre er ein Beamter. Vielleicht war er es. Vielleicht war er etwas anderes.

Aldren Sorn.

Myris blieb nicht stehen. Sie änderte nur den Winkel, als würde sie zufällig eine andere Gasse wählen. Nera zog Serenya mit, sanft, aber bestimmt.

Serenya wollte nicht schauen. Und doch sah sie.

Aldren ging nicht schnell. Er ging nicht suchend. Er ging, als wüsste er bereits, wohin er gehört. Als wäre die Stadt ihm eine Karte, auf der jeder Fehler leuchtet.

Serenya spürte, wie ihr Ring am Finger kalt wurde. Oder bildete sie es sich ein? Sie wusste es nicht. Aber ihr Körper reagierte, als wäre der Mann in Grau ein Messer, das man zu nahe an die Haut hält.

Sie bogen in eine Seitengasse, die unter der Brücke entlangführte. Der Regen war hier lauter. Das Wasser tropfte von den Steinen, und in den Pfützen spiegelten sich die Halos der Laternen wie blasse Augen.

Myris blieb kurz stehen, lauschte.

Serenya hörte Schritte auf der Brücke. Nicht hastig. Ruhig. Dann hörte sie sie nicht mehr.

Nera atmete aus.

„Er war nah“, flüsterte Serenya.

Myris sah sie an. „Er wird näher“, sagte sie. „Er hat heute Nacht zwei Dinge gelernt: dass der Schnittkreis existiert. Und dass jemand Asche benutzt.“

Serenya spürte, wie ihr Magen sank. „Hat er uns gesehen?“

Myris antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: „Er hat uns nicht gesehen. Aber er hat uns verstanden.“

Das war schlimmer.

Sie gingen weiter. Myris führte sie nicht direkt zum Lagerhaus zurück. Sie machte Umwege, wechselte Straßen, ging durch einen Markt, der nachts nur von Schatten genutzt wird. Serenya verstand: Das ist nicht Paranoia. Das ist Routine.

Schließlich erreichten sie das Lagerhaus. Die verborgene Tür nahm sie wieder auf. Sie stiegen hinab.

Unten, im Haus, wartete Althéa.

Sie stand im selben Raum wie zuvor, als hätte sie sich nicht bewegt. Valen war da. Nera legte das halbe Papier auf den Tisch. Myris legte es daneben, ohne es Serenya zu zeigen.

Althéa betrachtete es. Ihr Blick wurde schärfer.

„Falkengasse“, sagte sie leise.

Serenya zuckte bei dem Wort zusammen. Falkengasse. Sie kannte die Straße. Sie lag nicht weit vom Kontorviertel. Eine schmale Gasse, in der früher Falkner ihre Tiere verkauften, bevor der Handel sie verdrängt hatte.

„Hinterhof, dritte Tür“, murmelte Valen und schrieb es sofort.

„Rauk“, sagte Myris. „Ein Zwischenmann. Keine Bindung. Nur Münzen.“

Althéa nickte langsam. „Zwischenmänner sind die Stellen, an denen man schneiden kann“, sagte sie. „Oder an denen man sich selbst schneidet, wenn man unvorsichtig ist.“

Serenya stand still, die Hände an den Seiten, und spürte, wie müde sie plötzlich war. Nicht körperlich. Seelisch. Weil jeder Ort, den sie kannte, jetzt eine Spur war.

Althéa sah Serenya an. „Du hast deinen Schattennamen preisgegeben“, sagte sie.

Serenya hob den Blick. „Ich musste“, sagte sie. Es klang nicht trotzig, eher… defensiv.

Althéa schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Vielleicht“, und das Wort war gefährlich, weil es nicht endgültig war.

Myris trat einen Schritt vor. „Sie hat Haltung gezeigt“, sagte sie. „Der Mann hat ihr geglaubt.“

Althéa sah zu Myris. „Haltung ist gut“, sagte sie. „Aber Haltung zieht Blicke an.“

Serenya spürte, wie der Satz sich in ihr festsetzte. Sie war in ihrer Jugend dafür gelobt worden, Haltung zu haben. Jetzt war Haltung ein Risiko.

Althéa wandte sich an Nera. „Du bleibst bei ihr“, sagte sie.

Nera nickte. „Ja, Fürstin.“

Althéa sah zu Myris. „Du gehst in die Falkengasse“, sagte sie. „Du findest Rauk.“

Myris nickte. „Heute.“

„Jetzt“, sagte Althéa.

Myris verzog keine Miene. „Mit wem?“

Althéa betrachtete Serenya. Serenya spürte, wie ihr Herz einmal schneller schlug.

„Mit ihr“, sagte Althéa.

Serenya öffnete den Mund. „Ich—“

Althéa hob die Hand. „Samtkrone“, sagte sie. „Du willst nicht. Du willst vieles nicht. Du wolltest nicht trinken. Du wolltest nicht töten. Du wolltest nicht hier sein. Und doch bist du hier. Der Wille hat dich nicht gerettet. Die Handlung hat es.“

Serenya schluckte. „Ihr benutzt mich.“

Althéa sah sie an. „Ja“, sagte sie. „Weil wir es müssen. Und weil du sonst von jemand anderem benutzt wirst.“

Serenya dachte an Aldren Sorn. An seine ruhige Stimme. An das Wort Erlösung.

Althéa trat einen Schritt näher, und ihre Stimme wurde leiser. „Und hör gut zu“, sagte sie. „Wenn Aldren Sorn dich nimmt, wird er dich nicht wie ein Tier an eine Wand nageln. Er wird dich wie eine Geschichte in sein Buch schreiben. Er wird dir sagen, du seist wertvoll. Er wird dir sagen, du kannst gerettet werden. Und wenn du ihm glaubst, stirbst du. Nicht sofort. Langsam. Weil du dann nicht mehr dir gehörst.“

Serenya spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Und wem gehöre ich dann? Euch?“

Althéa schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Im Moment ja. Später… vielleicht dir.“

Das war das freundlichste Versprechen, das Serenya bisher vom Hof gehört hatte. Und es war trotzdem kalt.

Valen schrieb weiter, als wäre das alles nur eine Zeile.

„Falkengasse“, murmelte er. „Rauk. Schnittkreis.“

„Und Aldren Sorn?“, fragte Nera leise.

Althéa sah zu Nera. „Er wird die Falkengasse auch finden“, sagte sie. „Weil er gelernt hat, wo man suchen muss: nicht bei den wilden, sondern bei den klugen.“

Serenya spürte, wie sich ihr Magen wieder zusammenzog. Sie wollte nicht klug sein. Sie wollte einfach nur leben. Aber in dieser Welt war Leben klug oder tot.

Myris drehte sich zu Serenya. „Ration“, sagte sie.

Serenya zog eine Phiole hervor. Sie trank einen Tropfen. Der Hunger wurde still.

Myris nickte. „Gut“, sagte sie. „Dann gehen wir.“

Nera trat näher. „Ich komme auch“, sagte sie schnell.

Althéa hob die Hand. „Nein“, sagte sie. „Du bleibst hier.“

Nera erstarrte. „Fürstin—“

„Du bleibst hier“, wiederholte Althéa. „Wenn es schiefgeht, muss jemand die Spur schließen.“

Serenya verstand sofort, was das bedeutet. Spur schließen. Entfernen. Kein Geräusch.

Nera sah Serenya an, und in ihrem Blick lag etwas wie Angst – nicht um sich, sondern um Serenya.

Myris nahm Serenyas Arm. „Komm“, sagte sie.

Serenya folgte.

Als sie die Tür erreichten, hörte Serenya Althéas Stimme hinter sich, leise, aber klar:

„Und Samtkrone… wenn du heute Nacht sprichst, sprich nicht von Liebe. Sprich nicht von Schuld. Sprich von Handel. Handel ist das einzige, was diese Stadt immer versteht.“

Serenya nickte, ohne sich umzudrehen.

Sie gingen in den Gang, in die Tunnel, hinauf Richtung der Stadt, die nie schläft.

Und Serenya wusste: Die Falkengasse war nicht nur ein Ort.

Sie war eine Kante.

Eine Kante, an der man entweder lernt, zu schneiden – oder an der man geschnitten wird.

Draußen wartete der Regen.

Und irgendwo, zwischen den Halos der Laternen, ging ein Mann in grauem Mantel, ruhig und geduldig, und er hatte bereits den Geruch von Asche im Kopf, wie andere Menschen eine Adresse behalten.

Marvalis hielt den Atem an.

Die Nacht ging weiter.